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Samstag, den 13. August 2011, Gruene-LV, Innen und Recht, Silke Gajek

"Es ging der SED um den Machterhalt"

Interview mit Spitzenkandidatin Silke Gajek über den Streit der Linken um die Haltung zum Mauerbau.

Silke Gajek, Spitzenkandidatin und Landesvorsitzende

Silke Gajek, Spitzenkandidatin und Landesvorsitzende

Gruene-mv.de: Die Linke hat die Debatte um ihre Bewertung des Mauerbaus auf die Zeit nach der Wahl verschoben. Wie siehst Du das als ehemalige Bürgerrechtlerin?

Silke Gajek: Ich erwarte von den Linken keinen Kniefall, sondern eine ernsthafte und ehrliche Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte. Dieser Debatte geht die Linke nach wie vor aus dem Weg. Ich finde es unerträglich, dass es bei den Linken nach wie vor Menschen gibt, die den Bau der Mauer noch heute als „zwingende Konsequenz“ rechtfertigen. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Diese Leute huldigen einem System, das seine Bevölkerung eingesperrt hat und bezeichnen das als „alternativlos“.

Gruene-mv.de: In dem Papier eines Teils der Linken heißt es wörtlich: „Die Errichtung der Mauer leitete eine Periode friedlicher Koexistenz in Europa ein, die unter anderem durch die weltweite Anerkennung der DDR gekennzeichnet war. Der Frieden in Europa war sicherer geworden.“

Silke Gajek: Ja, das passt doch zu der ganzen Argumentation. Schuld waren Moskau, Washington oder der Nebel über London. Das ist historisch falsch. Es ging der SED um den Erhalt der eigenen Macht. Deswegen und nicht wegen des Weltfriedens wurde die Mauer gebaut. Die SED hat die vermeintliche Stabilität dadurch geschaffen, dass sie die Menschen in ihrem eigenen Land eingesperrt hat. Wie stabil das war, konnten wir doch 1989 sehen. Kaum hatte sich in Ungarn der Eiserne Vorhang gehoben, haben scharenweise DDR-Bürgerinnen und Bürger das Weite gesucht; sie sind geflüchtet.

Gruene-MV.de: War die DDR ein Unrechtsstaat?

Silke Gajek: Ich kann verstehen, dass manche oder mancher, die/der in der DDR aufgewachsen ist, sich vor dieser Begrifflichkeit scheut. Denn es stellt sich natürlich die Frage, was dieser Begriff mit dem eigenen Leben macht und ob alles Unrecht war, was geschehen ist. Aber darum geht es gar nicht. Politisch gesehen war die DDR ein Unrechtsstaat, unabhängig davon, dass wir in unserem persönlichen Alltag in diesem Land auch Freude und Liebe erleben konnten. Aber halten wir neben all dem einmal fest: In der DDR gab es keinen Rechtsstaat, keine Gewaltenteilung, keine unabhängigen Gerichte. Die SED hat sich das Recht unterworfen, es war eine Diktatur, das stand sogar in der Verfassung.

Gruene-MV.de: Fehlt in der Debatte tatsächlich der Respekt vor den Biographien der DDR-Bürger, wie mancher behauptet?

Silke Gajek: Ich kann diesen Vorwurf nicht verstehen. Wieso wird meine Biographie, meine Lebensleistung entwertet, nur weil die DDR als Unrechtsstaat bezeichnet wird? Das eine hat doch nichts mit dem anderen zu tun. Meine Familie, meine Erfahrungen, meine Erlebnisse, all das bleibt doch bestehen. Ich habe eher den Eindruck, dass sich da einige mit bestimmten biographischen Details hinter den Biographien der anderen verstecken wollen. Sie wollen nicht, dass man über ihre Biographien und über das redet, was sie in der DDR getan haben, wen sie bespitzelt, über wen sie Unrecht geurteilt oder was sie sonst zu verantworten haben. Im übrigen: Dieser in der Frage zitierte Vorwurf unterstellt ja, dass die Kritik an der DDR vornehmlich aus dem Westen kommt. Aber das ist mitnichten der Fall. 1989 sind wir in Leipzig, in Berlin, in Schwerin und in Rostock auf die Straße gegangen, weil wir die Verhältnisse in unserem Land nicht mehr ertragen konnten und das Land, die DDR, verändern wollten.

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