19.02.2005
Gender und Bildung
Beschluß des Landesfrauenrates am 19. Februar 2005
Ansätze für eine geschlechtergerechte grüne Bildungspolitik in Mecklenburg-Vorpommern
Vorbemerkungen
Die Vorraussetzung für ein wirklich erfolgreiches und zukunftsweisendes Bildungssystem ist eine Schule, in der Mädchen und Jungen unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer sozialen Schicht oder ethnischen Herkunft gleichberechtigt und entsprechend ihrer Bedürfnisse und Fähigkeiten lernen können.
Dem Landesfrauenrat ist dabei bewusst, dass die Analysekategorie Geschlecht bei der Konzeption einer gerechten Bildungspolitik nur eine unter mehreren ist. Soziale Schicht, ethnische Herkunft oder religiöse Zugehörigkeit spielen hierbei ebenso eine wesentliche Rolle.
Der Landesfrauenrat weist darauf hin, dass die Aufmerksamkeit in diesem Zusammenhang auf bestehende soziale Geschlechterdifferenzen gelenkt werden muss, nicht um eine Dualität oder gar Essentialität der Geschlechter festzuschreiben. Es geht schließlich darum, nicht Geschlecht, sondern die Individualität der Kinder zu fördern.
Forderungen an eine geschlechtergerechte Bildungspolitik
Die PISA-Studie hat nicht nur gezeigt, dass sich deutsche Schülerinnen und Schüler im internationalen Leistungsvergleich auf den hinteren Plätzen befinden. Sie hat auch verdeutlicht, dass es signifikante Unterschiede in den Leistungen von Mädchen und Jungen gibt. Forschungsprojekte unterschiedlichster Herkunft zeigen: Jungen sind mittlerweile zur Problemgruppe geworden, mehr Mädchen schließen mit Abitur ab und das mit besseren Noten.
Auf den ersten Blick erscheinen Mädchen als die klaren Gewinnerinnen des Schulsystems. Auf den zweiten Blick jedoch wird in anderen Studien deutlich, dass schulischer Erfolg nicht zwangsläufig beruflichen Erfolg nach sich zieht.
Unser Ziel ist es, die Schule zu einem Ort zu machen, an dem Mädchen und Jungen gleichberechtigt lernen können. Dazu ist eine Gender-Analyse unverzichtbar.
Die bündnisgrünen Forderungen zur Bildungspolitik (Beschluss des Landesdelegiertenrates vom 21. 08. 2004 in Stralsund) müssen hinsichtlich der Geschlechteraspekte konkretisiert werden.
Forderungen
- zum Teil Integration - Vom Leben mit den großen und den kleinen Unterschieden
Verankerung des Prinzips der Reflexiven Koedukation, d. h. Unterschiede zwischen Kindern hinsichtlich von Fähigkeiten, Kenntnissen, Verhaltensweisen, Vorlieben und Fachinteressen müssen wahrgenommen, respektiert und ihnen muss fachgerecht und bei Mädchen und Jungen gleichermaßen begegnet werden. Das kann zeitlich beschränkte Aufhebung der Koedukation zur Folge haben.
- zum Teil Könner, Macher und Co.
Reform des ErzieherInnenberufs und der Lehramtsstudiums, d. h.: In der Ausbildung der ErzieherInnen und LehrerInnen und in ihren Fortbildungen müssen Genderkompetenz als Integraler Bestandteil in das Curriculum aufgenommen werden. Gendertrainings müssen verbindlich absolviert werden.
- zum Teil Zur Wechselwirkung von Struktur und Inhalt
Lerninhalte müssen zusammen mit den Lernmaterialien und Lehrmaterialien geschlechterbewusst ausgewählt und gestaltet werden. Schulbücher sind auf Rollenklischees und Festschreibungen zu untersuchen. In den Bildungsstätten ist auf eine geschlechtergerechte Sprache zu achten. Mädchen wie Jungen sind für ein breites Berufsfeld zu interessieren. Das hat Folgen für Lebensplanung Studien- und Berufswahl.
Leistungsbewertungen müssen geschlechtersensibel und, wenn möglich, in gemischten Evaluationsteams vorgenommen werden. ErzieherInnen/LehrerInnen müssen vermitteln, dass sowohl Mädchen als auch Jungen potentiell die Fähigkeit haben, alles mögliche zu können völlig unabhängig von ihrem Geschlecht.
Schule und Kindergarten sind als Organisationsform nicht neutral sondern vergeschlechtlicht. Schule reproduziert und reorganisiert Geschlechterverhältnisse. Um dies aufzuheben, gibt es viele Maßnahmen zur Reform der Organisation: Quotierung der KlassensprecherInnenwahl, mehr männliche Lehrer an den Grundschulen, Ausgewogenheit der Geschlechterverhältnisse im Kollegium u. v. a.m.